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Frankfurter Buchmesse verliert weitere Aussteller

Die Messe in Frankfurt mit einem leeren Stand von HarperCollins.

Frankfurter Messe ohne einen weiteren Großverlag

Die Frankfurter Buchmesse war jahrzehntelang der zentrale Treffpunkt der internationalen Verlagsbranche – ein Ort, an dem Rechte verhandelt, Verlagsprogramme vorgestellt und Beziehungen zwischen Verlagen, Agenturen, Buchhändlern und Autoren gepflegt wurden. Nun hat ein weiterer großer Akteur angekündigt, dass sein Stand 2026 auf dem Messegelände in Frankfurt fehlen wird.

Jürgen Welte, Geschäftsführer der Hamburger Niederlassung von HarperCollins – einem der weltweit größten Verlagskonzerne – hat in einem offiziellen Schreiben bekanntgegeben, dass das Unternehmen nicht mehr als Aussteller an der Frankfurter Buchmesse teilnehmen wird. Es handelt sich weder um eine Laune noch um Sparmaßnahmen zum Selbstzweck. Es ist eine bewusste unternehmerische Entscheidung, die auf einer klaren Diagnose beruht: Die Frankfurter Messe erfüllt die Funktion nicht mehr, deretwegen Verlage einst angereist sind.

Warum sagt HarperCollins „Nein“?

Die offizielle Begründung lässt wenig Raum für Zweifel. Welte stellt unverblümt fest, dass „die Zeiten, in denen die Frankfurter Buchmesse eine Fachmesse war, längst vorbei sind.“ Die Frankfurter Veranstaltung hat sich seiner Einschätzung nach grundlegend gewandelt: von einer streng professionellen Fachmesse hin zu einem Festival für ein breites Publikum. Die Rolle einer autoren- und lesernahen Messe werde seit Jahren deutlich besser von der Leipziger Buchmesse ausgefüllt, so Welte.

Ein weiterer Frustrationspunkt ist die Art und Weise, wie die Veranstalter die Neuordnung der Ausstellungsflächen umgesetzt haben. Das neue „Konzept“ – Welte setzt das Wort bewusst in Anführungszeichen – sei ohne ausreichende Einbindung der Aussteller selbst entwickelt worden. „Wir hätten es bevorzugt, wenn die Neugestaltung der Messe in enger Zusammenarbeit mit uns, den Verlagen und Buchhändlern, erfolgt wäre, um eine nachhaltige Lösung zu entwickeln“, schrieb der Chef von HarperCollins Germany.

Es ist keine Einzelstimme. Bereits bei früheren Veranstaltungen gab es Signale von kleinen und mittelgroßen Verlagen, dass die Teilnahmekosten – Standmiete, Logistik, Reisen – schneller steigen als der greifbare geschäftliche Nutzen, den die Messepräsenz bringt.

Wohin fließen die Einsparungen?

Was die Entscheidung von HarperCollins von üblichen Messerückzügen unterscheidet, ist der klar definierte Reinvestitionsplan. Das eingesparte Geld verschwindet nicht im allgemeinen Konzernbudget, sondern wird direkt in den unabhängigen Buchhandel gelenkt. Konkret hat HarperCollins Germany angekündigt:

  • Regionale Werbekampagnen für unabhängige, kleine und mittelgroße Buchhandlungen – statt einer einmaligen Messepräsenz setzt der Verlag auf die dauerhafte Sichtbarkeit des lokalen Buchhandels.
  • Förderung lokaler Veranstaltungen – Autorenlesungen, Literaturabende und Werbeaktionen, die direkt in den Buchhandlungen stattfinden, statt in anonymen Messehallen.
  • Ausbau des Außendienstes – mehr Verlagsvertreter, mehr persönliche Besuche, tiefere und alltägliche Beziehungen zu den Buchhändlern, anstatt eines jährlichen Treffens am Messestand.

Das HarperCollins-Stipendium: Investition in den Nachwuchs

Ein besonders interessantes Element ist die Einführung des HarperCollins-Stipendiums mit einem jährlichen Gesamtbudget von 25.000 Euro. Das Programm richtet sich an zehn unabhängige Buchhandlungen, die ihren Auszubildenden nach Abschluss der Ausbildung eine Festanstellung anbieten. Jede dieser Buchhandlungen erhält 2.500 Euro, die ausschließlich für die berufliche Weiterbildung und Kompetenzentwicklung junger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bestimmt sind.

Darüber hinaus wird ein jährlicher Einmalzuschuss von 10.000 Euro an eine Buchhändlerin oder einen Buchhändler vergeben, die oder der den Schritt in die Selbstständigkeit wagt – sei es durch die Übernahme einer bestehenden Buchhandlung oder durch eine komplette Neugründung. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, ein zweiwöchiges Praktikum bei den Verlagen Gräfe & Unzer (München) oder HarperCollins (Hamburg) zu absolvieren, das vollständig vom Verlagskonzern finanziert wird.

„Wir investieren langfristig in die Kompetenzen von morgen, statt in den Aufbau von Messeständen für nur fünf Tage. Wir freuen uns darauf, Sie nicht in einer anonymen Messehalle zu treffen, sondern direkt bei Ihnen vor Ort, in Ihren Buchhandlungen, bei gemeinsamen Abenden und Veranstaltungen“, fasste Welte zusammen. Diese Aussage bringt die Philosophie hinter der gesamten Entscheidung auf den Punkt.

Buchmessen in der Identitätskrise

Die Entscheidung von HarperCollins Germany ist nicht im luftleeren Raum gefallen. Sie ist Teil eines breiteren Trends, der seit einigen Jahren auf dem europäischen Buchmarkt sichtbar wird. Die Unsicherheit darüber, was große Buchmessen im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts eigentlich sein sollen, wächst.

Zwischen Fachmesse und Festival

Die Frankfurter Buchmesse versucht seit Jahren, zwei Rollen miteinander zu vereinen: die einer professionellen B2B-Fachmesse (Rechtehandel, Lizenzverhandlungen, Treffen mit Distributoren) und die eines offenen Kulturevents für Leserinnen und Leser. Das Problem: Diese beiden Funktionen lassen sich innerhalb eines einzigen Rahmens und Formats immer schwerer unter einen Hut bringen.

Verlage kommen nach Frankfurt mit konkreten geschäftlichen Erwartungen: Abschlüsse, Kontakte, Bestellungen. Gleichzeitig wird ein wachsender Teil des Programms und der Infrastruktur auf das breite Publikum ausgerichtet: Podiumsdiskussionen, Autorenauftritte, Selfie-Zonen und Lifestyle-Angebote. Für einen Großverlag, der Zehntausende Euro für einen Stand bezahlt, ist dieses Modell zunehmend unattraktiv.

Leipzig gegen Frankfurt: Verschiebt sich das Kräfteverhältnis?

Es kommt nicht von ungefähr, dass Welte die Leipziger Buchmesse als Referenzpunkt nannte. Die Leipziger Buchmesse hat über Jahre hinweg konsequent ihre Position als leser- und autorennahe Messe mit einer starken literarischen und bildungsbezogenen Komponente ausgebaut. Wenn Frankfurt Fachaussteller verliert und Leipzig das Publikum anzieht, stellt sich immer drängender die Frage, ob es noch sinnvoll ist, zwei Großveranstaltungen in ihren bisherigen Formaten aufrechtzuerhalten.

Das bedeutet nicht, dass die Frankfurter Messe verschwinden wird. Gemessen am Umfang des Rechtehandels bleibt sie die weltweit größte Buchveranstaltung. Doch ihre Rolle als der Ort, an dem man „dabei sein muss“, schwächt sich spürbar ab – zumindest für einen Teil der Aussteller.

Was bedeutet das für den Buchmarkt

Der Schritt von HarperCollins Germany lässt sich auf mehreren Ebenen deuten. Am offensichtlichsten signalisiert er, dass große Verlage bereit sind, langjährige Branchenrituale infrage zu stellen, wenn diese keine greifbaren Ergebnisse mehr liefern. Auf einer tieferen Ebene spiegelt er einen Wandel im Denken darüber wider, wo und wie Beziehungen zum Markt aufgebaut werden.

Der unabhängige Buchhandel als Fundament

Der Slogan „Bücher brauchen Buchhandlungen“, mit dem HarperCollins seine Entscheidung einrahmte, mag wie ein Schlagwort klingen – dahinter steckt jedoch ein reales Kalkül. In Europa erwirtschaftet der unabhängige Buchhandel trotz des Drucks durch E-Commerce-Plattformen und Discountketten nach wie vor einen erheblichen Anteil am Buchumsatz, insbesondere in den Segmenten Belletristik und Sachbuch. Hier erhalten Leserinnen und Leser persönliche Empfehlungen, hier entstehen lokale Gemeinschaften rund um das Buch.

Ein Verlag, der in die Kompetenzen der Buchhändler investiert, in ihre Sichtbarkeit und in ihr Überleben, investiert letztlich in seinen eigenen Vertriebskanal – nur auf eine nachhaltigere Weise als mit einem fünftägigen Messestand.

Alternative Modelle der Buchförderung

Die Entscheidung von HarperCollins fügt sich in einen breiteren Trend ein, bei dem Verlage nach alternativen Modellen der Buchvermarktung suchen. Immer häufiger wird experimentiert mit:

  • Lokalen und regionalen Veranstaltungen – kleineren, aber häufigeren Werbeaktionen in Buchhandlungen, Bibliotheken und Kultureinrichtungen.
  • Direkter Unterstützung des Buchhandels – Schulungsprogrammen, Merchandising-Materialien und eigenen Marketingbudgets für den Point of Sale.
  • Digitalen Formaten – Webinaren, virtuellen Autorenveranstaltungen und Online-Plattformen für den Rechte- und Lizenzhandel, die die traditionelle B2B-Funktion der Messen teilweise übernehmen.
  • Partnerschaften mit Druckereien und Logistikdienstleistern – Verkürzung der Lieferkette, Print-on-Demand und flexible Auflagenmodelle, die es Verlagen ermöglichen, schneller auf die Nachfrage zu reagieren, ohne ein aufwendiges Messeschaufenster zu benötigen.

Die Perspektive von Books Factory – was wir als Druckerei beobachten

Aus der Sicht einer Digitaldruckerei, die täglich mit Verlagen, Self-Publishing-Autoren und Buchhandlungen in ganz Europa zusammenarbeitet, bestätigt die Entscheidung von HarperCollins Germany einen Trend, den wir seit geraumer Zeit beobachten: Der Buchmarkt bewegt sich weg vom Modell der „großen Events“ hin zu einem Modell der kontinuierlichen, dezentralen Zusammenarbeit.

Für Verlage bedeutet das mehr Flexibilität: Sie können kleinere Auflagen testen, näher am Zielmarkt drucken und auf reale Nachfrage reagieren, statt sie ein halbes Jahr vor einer Messe prognostizieren zu müssen. Für den unabhängigen Buchhandel eröffnet sich die Chance auf tiefere Partnerschaften mit Verlagen, die über die klassische Lieferanten-Kunden-Beziehung hinausgehen.

Und für die gesamte Branche? Vielleicht ist es an der Zeit für ein ehrliches Gespräch darüber, ob das traditionelle Modell der großen Buchmessen noch denjenigen dient, die es finanzieren – oder ob es vor allem aus Gewohnheit fortbesteht.

Fazit – Mut zur Veränderung oder der Anfang vom Ende der Buchmessen?

Jürgen Welte schloss sein Schreiben mit den Worten: „Veränderung erfordert Mut, aber sie schafft Raum für echte Innovation und gestaltet unsere Zukunft.“ Dem ist schwer zu widersprechen – unabhängig davon, wie man die Entscheidung selbst bewertet.

HarperCollins Germany zieht sich nicht vom Markt zurück, sondern verlagert seine Präsenz von den Messehallen dorthin, wo Bücher tatsächlich ihre Leserinnen und Leser erreichen – in die Buchhandlungen. Statt fünf Tage im Jahr setzt der Verlag auf 365. Statt eines großen Stands wählt er Dutzende kleiner Partnerschaften.

Werden andere Großverlage denselben Weg einschlagen? Einige vermutlich schon, vor allem jene, die die steigenden Messekosten bei gleichzeitig sinkendem Ertrag seit Langem hinterfragen. Die Frankfurter Buchmesse steht nun vor einer Herausforderung: Entweder findet sie eine neue Formel, die Aussteller zur Rückkehr bewegt, oder sie muss sich mit der Rolle einer vorwiegend kulturellen – statt geschäftlichen – Veranstaltung abfinden.

Eines steht fest: Der Buchmarkt steht nicht still. Wer in der Lage ist, sein Geschäftsmodell an eine sich wandelnde Realität anzupassen, wird im Vorteil sein – unabhängig davon, ob er einen Stand in Frankfurt hat oder nicht.

Quellen: