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Kamel Daoud wegen „Houris” zu Haftstrafe verurteilt

Kamel Daoud, algerischer Schriftsteller.

Kamel Daoud, Träger des renommierten Prix Goncourt, wurde von einem algerischen Gericht zu drei Jahren Haft verurteilt – wegen seines Romans „Houris”. Ein Buch über den Bürgerkrieg, das ein nationales Tabu brach und eine internationale Debatte über die Freiheit des Schaffens auslöste.

Eine Gefängnisstrafe für einen Roman – was ist geschehen?

Im April 2026 verbreitete sich in der literarischen Welt eine Nachricht, die wie die Handlung eines dystopischen Romans klingt – und doch vollkommen real ist: Ein algerisches Gericht verurteilte Kamel Daoud, einen der bedeutendsten zeitgenössischen frankophonen Schriftsteller, zu drei Jahren Haft und einer Geldstrafe von umgerechnet rund 32.000 Euro. Die Anklage bezog sich nicht auf ein Verbrechen im herkömmlichen Sinne. Die Anklage war ein Buch.

Der Roman „Houris” greift ein Thema auf, das in Algerien seit Jahrzehnten unter Verschluss gehalten wird: den Bürgerkrieg der 1990er-Jahre, bekannt als das „schwarze Jahrzehnt“. Daoud, der Algerien vor Jahren verließ und sich in Frankreich niederließ, wo er die doppelte Staatsangehörigkeit besitzt, bezeichnete das Urteil als „ein formalisiertes Verbot, in meine Heimat zurückzukehren“.

„Houris” – der Roman, der das Schweigen brach

Die Protagonistin von „Houris” ist Aube – eine junge Frau, die in Oran einen Friseursalon betreibt. Sie hat den algerischen Unabhängigkeitskrieg nicht selbst erlebt, doch sie trägt das Trauma des Bürgerkriegs der 1990er-Jahre in sich: eine kollektive Erinnerung, der niemand zuhören will, und Narben, die sich buchstäblich in ihren Körper eingeschrieben haben – an ihrem Hals und ihren beschädigten Stimmbändern.

Aube träumt davon, ihre Stimme zurückzugewinnen. Nicht im übertragenen Sinne – sie will wortwörtlich sprechen, von den Gräueln berichten, die sie miterlebt hat. Die einzige Person, der sie ihre Geschichte anvertrauen kann, ist die Tochter, die sie unter dem Herzen trägt. Doch hat sie das Recht, ein Kind in ein Land zu bringen, das systematisch die Erinnerung unterdrückt? Die junge Frau beschließt, in ihr Heimatdorf Had Chekala zurückzukehren, wo alles begann – in der Hoffnung, dass die Toten die Fragen beantworten, denen die Lebenden ausweichen.

Daoud dringt bis ins Herz des „schwarzen Jahrzehnts“ vor – jener Periode zwischen 1991 und 2002, in der ein blutiger Konflikt zwischen islamistischen Gruppierungen und der algerischen Armee je nach Schätzung zwischen 100.000 und 200.000 Menschenleben forderte. Die algerischen Behörden haben lange eine Politik des Schweigens zu diesem Thema durchgesetzt, und die Charta für Frieden und nationale Versöhnung von 2005 untersagt faktisch jede öffentliche Auseinandersetzung mit diesen Ereignissen.

„Houris” ist daher nicht bloß ein Roman – es ist ein Akt des Widerstands gegen eine staatlich verordnete Amnesie.

Der Prix Goncourt – die höchste Ehre, der höchste Preis

Noch bevor das Urteil erging, hatte „Houris” in Frankreich den Prix Goncourt gewonnen – den ältesten und renommiertesten Literaturpreis der frankophonen Welt, der seit 1903 ununterbrochen verliehen wird. Zu den früheren Preisträgern zählen Marcel Proust, Simone de Beauvoir und Michel Houellebecq. In diese Reihe aufgenommen zu werden, ist für jeden Schriftsteller ein Meilenstein der Karriere.

Für Daoud jedoch bedeutete es noch mehr: Die internationale Anerkennung wurde zugleich Schutzschild und Zielscheibe. Der Preis lenkte die Aufmerksamkeit der Welt auf ein Thema, das Algerien lieber totschweigen würde. Und die algerische Justiz antwortete mit dem einzigen Mittel, das ihr zur Verfügung stand – einem Urteil.

Frankreich stellt sich hinter den Schriftsteller

Die Reaktion Frankreichs kam umgehend und unmissverständlich. Kulturministerin Catherine Pégard bekannte sich öffentlich zur Freiheit des Schaffens und erklärte, es sei unerlässlich, „Künstlerinnen und Künstler, ihre Würde und ihre Sicherheit zu verteidigen“. Außenminister Jean-Noël Barrot betonte, dass Daoud in Frankreich lebe und „keinerlei Anlass zur Sorge“ um seine Sicherheit bestehe.

Diese Worte beruhigen – doch sie ändern nichts daran, dass ein Schriftsteller faktisch aus seinem eigenen Land verbannt wurde, weil er einen Roman geschrieben hat. Daouds Geschichte reiht sich ein in eine lange, schmerzhafte Tradition der Literatur im Exil: von Victor Hugo, der auf Guernsey schrieb, über Milan Kundera in Paris bis hin zu Salman Rushdie, der nach der Fatwa zum Untertauchen gezwungen war.

Warum uns diese Geschichte alle angeht

Der Fall Kamel Daoud ist nicht einfach eine „exotische“ Angelegenheit aus einem fernen Land. Er stellt eine Frage, die jeden betrifft, der an die Kraft des gedruckten Wortes glaubt: Kann ein Buch ein Verbrechen sein?

In Europa neigen wir dazu, die Freiheit zu publizieren als selbstverständlich zu betrachten. Wir drucken, wir veröffentlichen, wir vertreiben – und halten selten inne, um darüber nachzudenken, dass anderswo auf der Welt genau dieselben Worte zu einer Gefängnisstrafe führen können. Daouds Geschichte erinnert uns daran, dass ein Buch nicht nur ein Produkt ist – sondern ein Instrument, das die Wirklichkeit verändern kann und in extremen Fällen seinen Autor die Freiheit kosten kann.

Bei Books Factory drucken wir jeden Tag Bücher. Wir wissen, dass hinter jedem einzelnen ein Mensch steht, seine Geschichte und der Mut, sie zu erzählen. Der Fall „Houris” erinnert uns alle daran, warum das, was wir tun, von Bedeutung ist – und warum die Freiheit des Schaffens keine leere Phrase ist, sondern ein Wert, den es zu verteidigen gilt.

„Houris” – ein Buch, das man lesen sollte

Leserinnen und Leser in Deutschland können „Houris” nun auch in deutscher Übersetzung entdecken – den Roman, der Frankreichs wichtigsten Literaturpreis gewann und für den sein Autor einen Preis zahlte, den kein Schriftsteller jemals zahlen sollte.

Wer ein Buch sucht, das nicht vergessen lässt und zum Nachdenken zwingt, wird in „Houris” genau das finden.

Quellen: