
Borges wusste, dass das gefährlichste Labyrinth keine Wände hat. In „Der Garten der Pfade, die sich verzweigen“ erweist sich das Labyrinth als Buch. Mark Z. Danielewski ging noch einen Schritt weiter und schrieb einen Roman, in dem das Labyrinth der Handlung Teil des Satzes wird. Der Text flieht an die Ränder, steht kopf, verirrt sich in Fußnoten und lässt auf einer Seite manchmal nur sechs Wörter und eine große Leere zurück.
In der zweiten Folge von Book Anatomy nehmen wir drei Ausgaben von „Das Haus“ (im Original „House of Leaves“) auseinander: die britische von Doubleday (2024) sowie zwei polnische, von MAG (2016) und von Znak (2024). Die Handlung bewerten wir nicht. Uns interessiert, wie jede dieser Ausgaben als Gegenstand gestaltet wurde und was die Konstruktion dieses Buches Verlag und Druckerei abverlangt.
Ein Roman, der in jeder Sprache neu gesetzt werden muss
Der Fotojournalist Will Navidson zieht mit seiner Familie in ein Haus, das innen größer ist als außen. Die Geschichte dieses Hauses hält ein alter Mann auf losen Blättern fest. Nach seinem Tod versieht sie jemand ganz anderes mit eigenen Fußnoten: Johnny Truant. Drei Stimmen, drei Erzählebenen, Hunderte Verweise.
In einem typischen Buch fließt der Text in der Spalte, Absatz für Absatz. Wird eine Übersetzung länger als das Original, läuft sie einfach auf die folgenden Seiten über. Das Buch wächst um einen Bogen, und der Leser merkt nichts. Bei Danielewski funktioniert das nicht, denn die Seite ist eine Komposition, kein Behälter. Ein einzelnes Wort steht in einer bestimmten Ecke, und ein Textrahmen muss genau dort bleiben, wo er ist. Eine Fußnote läuft quer über den Rand oder steht auf dem Kopf, und eine leere Seite ist absichtlich leer und darf nicht gefüllt werden. Jeder dieser Räume muss in jeder Sprache neu gebaut werden. Ein solcher Satz ist in der Praxis eine typografische Übersetzung.
Farbe, die die Kalkulation der Auflage verändert
Zum Satz kommt die Druckfarbe. Das Wort „Haus“ ist in diesem Roman jedes Mal blau, auch dann, wenn es sich in einem anderen Wort versteckt. „Minotaurus“ und lange durchgestrichene Passagen sind, mit einer kleinen Ausnahme, rot. Die Farbe trägt Bedeutung und lässt sich deshalb nicht als Dekoration behandeln.
Das wirkt sich sofort auf die Kosten aus. In einem typischen Buch erscheint Farbe auf dem Umschlag und den Vorsätzen, manchmal auf einer separaten Beilage. Der Buchblock wird in einer einzigen Farbe gedruckt, Schwarz, weil das deutlich günstiger ist als volles CMYK. Danielewski hat diese Ersparnis zunichtegemacht: Bei ihm verteilt sich die Farbe über 700 Seiten. Der Verlag hat also die Wahl – volles CMYK in jedem Bogen oder der Verzicht auf das Spiel, zu dem der Autor einlädt.
Die Verlage haben sich unterschiedlich entschieden, deshalb kursierten mehrere Versionen desselben Romans: eine vollfarbige, eine zweifarbige, eine schwarz-weiße und eine unvollständige Arbeitsfassung des Autors. Jede weitere Stufe bedeutet eine andere Kostenschwelle und einen anderen Grad der Beschneidung des Entwurfs. In der Schwarz-Weiß-Version erlöschen die Signale, und der Leser erhält einen Text, bei dem ein Teil der Bedeutung abgeschaltet ist.
Interessanterweise sagen die Verlage das offen. Auf der Impressumsseite aller drei hier besprochenen Exemplare ist eine Tabelle der Varianten abgedruckt, und ein Rahmen um eine der Spalten zeigt, welche Version ihr gerade gekauft habt. Eine ehrlichere Preisliste ist kaum vorstellbar. Alle drei Ausgaben, die wir vergleichen, sind vollfarbige Versionen.
Doubleday 2024: ein Titel, versteckt im Schwarz
Die britische Ausgabe ist die erste Hardcover-Ausgabe von „House of Leaves“ auf dem britischen Markt. Sie erschien erst 24 Jahre nach der Erstveröffentlichung des Buches. Im Impressum fehlt eine Angabe zur Person, die für den Satz verantwortlich war.
Der Schutzumschlag verbindet Schwarz und Silber auf matt gestrichenem Papier, einseitig bedruckt. Ein Detail übersieht man leicht: Die Klappen wurden nicht beschnitten, sodass sie bei geschlossenem Buch leicht über die Kante hinausragen.
Das eigentliche Fest wartet unter dem Schutzumschlag. Es ist ein schwarzer Bezug mit deutlicher Leinenstruktur, darauf ein Grundriss und eine Wendeltreppe. Auf dem Rücken läuft das Muster in Silber und fällt sofort ins Auge. Auf dem Vorderdeckel ist der Effekt subtiler. Mit dem Fingernagel spüre ich eine minimale Vertiefung, was auf eine Prägung mit transparenter Folie hindeutet. Möglich ist auch schwarze Folie auf schwarzem Grund, dann entsteht der ganze Effekt aus dem Glanzunterschied. Mit bloßem Auge lässt sich das nicht klären, was bei einem Buch über Dinge, die in Wänden verborgen sind, geradezu perfekt erscheint.
Der Rücken ergänzt den Rest: „House“ glänzt in Silber, während „of Leaves“ im Schwarz verschwindet. Auf der Rückseite stehen die ersten Sätze des Erzählers, ebenfalls geprägt und nur schräg lesbar.
Buchbinderisch ist das die beste Ausgabe im Vergleich. Deckel aus 3 mm starker Pappe, ein fadengehefteter und geklebter Buchblock, ein gerundeter Rücken. Die Abpressung ist vorhanden, könnte aber tiefer und gleichmäßiger sein. Das Buch öffnet sich sehr gut: Es liegt flach und versucht nicht, zuzuklappen. Dazu kommen ein schwarzes Kapitalbändchen und ein schwarzes Lesebändchen, das einzige im Trio. Im Inneren finden sich die einzigen beidseitig bedruckten Vorsätze im Vergleich, und zwar mit Folgen aus Hexadezimalcode statt Ornamenten.
Format 24 × 19 cm, 710 Seiten, ein 4,5 cm dicker Buchblock. Das Papier ist weiß und dünn, und der Druck scheint stellenweise auf die Rückseite durch. Das ist der Preis dafür, bei so großem Format eine vernünftige Dicke zu halten.

MAG 2016: das Labyrinth in voller Sicht
Die zweite Auflage in der Übersetzung von Wojciech Szypuła ist die einzige Ausgabe im Vergleich mit einer vollständig polnischen Gestaltung. Die Illustration stammt von Irek Konior, das Grafikdesign von Piotr Chyliński, Typografie und Satz von Tomek Laisar Fruń. Ihm fiel die undankbarste Aufgabe zu: das Labyrinth auf Polnisch neu zu bauen.
Hier versteckt sich das Labyrinth nirgends. Ein silber-schwarzes Muster bedeckt den gesamten Schutzumschlag. In seiner Mitte tritt „Dom“ („Haus“) als Hochprägung mit blauer Metallic-Folie hervor, während „z liści“ („aus Blättern“) ins Papier eingeprägt ist. Hoch- und Tiefprägung nebeneinander auf einem Umschlag – das ist mutig und konsequent, und selbst die unbeschnittenen Klappen nehmen dem nichts. Schlechter wird es, wenn man den Schutzumschlag abnimmt. Darunter wartet dieselbe Titelkomposition, nur ohne Labyrinth. Wiederholung statt Enthüllung.
Buchbinderisch geht es eine Stufe nach unten. Die Vorsätze sind weiß und unbedruckt. Deckel aus 2 mm starker Pappe, ein fadengehefteter und geklebter Buchblock, ein gerundeter Rücken. Die Abpressung ist jedoch deutlich flacher als bei der britischen Ausgabe, sodass sich das Buch weniger bequem öffnen lässt. Weißes Kapitalbändchen, kein Lesebändchen.
Format 23 × 16,5 cm, 800 Seiten, ein Buchblock von über 5 cm Dicke. Das Papier ähnelt dem der britischen Ausgabe und scheint ebenso durch. Das ist die schmalste Seite und der größte Umfang im Vergleich, was gleich entscheidend wird.

Znak 2024: zurück zur Quelle
Dieselbe Übersetzung von Szypuła, aber eine völlig andere visuelle Strategie. Den Umschlag entwarf Eric Fuentecilla, der Gestalter des ursprünglichen amerikanischen Covers aus dem Jahr 2000, die polnische Adaption stammt von Karolina Korbut. Znak kehrt bewusst zur Quelle zurück, statt eine eigene Sprache zu suchen.
Einen Schutzumschlag gibt es gar nicht. Das ganze Gewicht trägt der bedruckte Deckenbezug mit UV-Lack: ein schwarzer Grundriss, eine Treppenspirale und in ihrer Mitte eine goldene Windrose. Elegant und ruhig, aber ohne einen Moment des Entdeckens, denn hier gibt es nichts abzunehmen.
Entschädigt wird man durch die Vorsätze, die einzigen farbigen im Vergleich. Vorn eine Collage aus Linealen, Filmstreifen, einem Kompass und Blutflecken, hinten die Zeichnung eines Treppenhauses. Die Innenseiten der Deckel sind schwarz, mit Pressestimmen und einer Notiz über den Autor. Ein Bereich, der oft an Weiß verschenkt wird, arbeitet hier fürs Marketing.
Deckel aus 2 mm starker Pappe wie bei MAG, ein fadengehefteter und geklebter Buchblock, ein sorgfältiger gerundeter Rücken. Die Abpressung überzeugt noch immer nicht, doch das Buch öffnet sich deutlich besser und fast so gut wie die britische Ausgabe. Schwarzes Kapitalbändchen, kein Lesebändchen.
Für den Buchblock wurde das beste Papier im Vergleich gewählt: ungestrichen, leicht gräulich, rau und kühl in der Haptik, nahezu blickdicht. Format 23,5 × 17 cm, 764 Seiten und nur 4 cm Dicke. Damit ist der Block dünner als der britische, obwohl er 54 Seiten mehr hat.
Zum Schluss mein Lieblingsdetail. Durchstreichungen haben in diesem Roman eine konkrete Funktion: Sie markieren Passagen, die jemand zu löschen versuchte, die aber geblieben sind und sich weiterhin lesen lassen. Znak hat diese Konvention auf die eigene Impressumsseite übertragen. Der Vermerk „Wydanie pierwsze, Kraków 2024“ („Erste Auflage, Krakau 2024“) ist mit demselben Rot durchgestrichen, das sich durch den ganzen Roman zieht. Der Verlag hat das Buch in dessen eigener Sprache signiert.

Drei Ausgaben in Zahlen
| Merkmal | Doubleday 2024 | MAG 2016 | Znak 2024 |
| Format | 24 × 19 cm | 23 × 16,5 cm | 23,5 × 17 cm |
| Seitenzahl | 710 | 800 | 764 |
| Blockdicke | 4,5 cm | über 5 cm | 4 cm |
| Deckelpappe | 3 mm | 2 mm | 2 mm |
| Schutzumschlag | Schwarz und Silber, matt gestrichenes Papier | Labyrinth, Hoch- und Tiefprägung | keiner |
| Vorsätze | beidseitig bedruckt, Hexadezimalcode | weiß | farbig |
| Kapitalbändchen / Lesebändchen | schwarz / schwarz | weiß / keins | schwarz / keins |
| Papier | weiß, dünn, scheint durch | ähnlich der britischen Ausgabe, scheint durch | ungestrichen, gräulich, nahezu blickdicht |
Seitenbreite – der Kern der Sache
Die britische Seite ist 19 cm breit, die polnischen messen 16,5 cm (MAG) und 17 cm (Znak). Das sind bis zu 2,5 cm Unterschied in einem Buch, dessen Text an den Rand läuft, sich dreht und in Textrahmen springt. Doubleday hat diesem Layout Luft verschafft. Bezahlt hat der Verlag dafür mit einem Format, das schlecht in der Hand liegt und in keinen Rucksack passt.
Die polnischen Verlage hatten die schwierigere Aufgabe. Polnisch braucht mehr Platz als Englisch, und die Seiten dürfen nicht beliebig umgebaut werden. MAG löste das über den Umfang und kam auf 800 Seiten bei der schmalsten Spalte im Vergleich. Znak brachte dieselbe Übersetzung auf 36 Seiten weniger unter, weil seine Seite einen halben Zentimeter breiter ist. Papier mit geringerem Volumen bescherte dem Verlag zusätzlich den dünnsten Buchblock im Vergleich. Über die gesamte Auflage bedeuten 36 Seiten weniger Papier und ganz konkretes Geld.
Urteil und Book Anatomy Score
Müsste ich ein einziges Exemplar im Regal behalten, würde ich die britische Ausgabe nehmen. Nicht weil sie die schönste ist, sondern weil sie als einzige versteht, worum es in diesem Buch geht, und das in die Gestaltung überträgt. Ein Roman über Dinge, die in Wänden verborgen sind, versteckt seinen eigenen Titel im Schwarz. Das Zitat des Erzählers wird erst schräg lesbar, und das Muster auf dem Bezug bleibt an der Grenze des Sichtbaren. Statt dekorativer Vorsätze bekommen wir rohen Code. Die Form wiederholt hier die postmoderne Geste des Inhalts.
Znak schneidet am vernünftigsten ab: das beste Papier, der sorgfältigste Buchblock, die bequemste Lektüre und Respekt vor dem Original, statt krampfhaft einen eigenen Weg zu suchen. MAG hat den mutigsten polnischen Entwurf, verliert aber das, worauf Danielewski aufbaut: den Unterschied zwischen dem, was sichtbar ist, und dem, was erst enthüllt werden muss.
Im Book Anatomy Score bewerten wir weder die Handlung noch die Frage, ob Johnny endlich schlafen gehen sollte, sondern ausschließlich die Ausgabe als Gegenstand:
- Doubleday 2024: 4,75 Books von 5. Die einzige Ausgabe, in der die Veredelungen dasselbe sagen wie der Text. Ein Viertel Abzug für unausgereifte Details der Verarbeitung.
- Znak 2024: 4 Books. Das am besten gemachte Buch im Vergleich, nur gibt es ohne Schutzumschlag hier nichts zu enthüllen.
- MAG 2016: 3,5 Books. Der mutigste polnische Entwurf, der genau dort stehen bleibt, wo der Bezug beginnt.
Und ihr? Welche Ausgabe würdet ihr ins Regal stellen? Wenn ihr die zweifarbige oder die Schwarz-Weiß-Version besitzt, schreibt es in die Kommentare unter der Folge – ich würde sie sehr gern sehen.
Quellen:
- „House of Leaves“, Doubleday 2024, ISBN 978-1-5299-4399-3
- „Dom z liści“, Wydawnictwo MAG 2016, Übersetzung: Wojciech Szypuła, ISBN 978-83-7480-657-2
- „Dom z liści“, Znak 2024, Übersetzung: Wojciech Szypuła, ISBN 978-83-240-9979-5