
Jahr für Jahr, ohne Unterbrechung seit 1917, gibt die Columbia University die Namen der Pulitzer-Preisträger bekannt. Für den amerikanischen Journalismus, die Literatur und die Musik sind diese Auszeichnungen das geworden, was die Oscars für das Kino sind. Für Verlage, Autorinnen und Autoren sowie Leserinnen und Leser auf der ganzen Welt ist das Urteil der Jury nicht bloß eine Liste beachtenswerter Titel; es ist auch ein Moment, der mit bemerkenswerter Klarheit zeigt, worüber heute geschrieben wird, wie geschrieben wird und welche Bücher die Chance haben, den Test der Zeit zu bestehen.
Die diesjährigen Entscheidungen in den literarischen Kategorien vereinen eine Mischung aus bekannten Namen und Debüttalenten, aus Genreliteratur und anspruchsvollem Sachbuch. Wir stellen sie nacheinander vor – mit dem Schwerpunkt darauf, was im deutschsprachigen Buchmarkt bereits zugänglich ist.
Was der Pulitzer-Preis ist und warum er nach wie vor zählt
Der Preis geht auf ein Vermächtnis von Joseph Pulitzer zurück, einem Zeitungsverleger, der zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gründlichen Journalismus und ambitioniertes künstlerisches Schaffen fördern wollte. Die ersten Preise wurden 1917 vergeben, und heute werden sie in über einem Dutzend Kategorien verliehen: von der investigativen Berichterstattung über Belletristik und Lyrik bis hin zur Musik.
Obwohl der Pulitzer-Preis nach wie vor eine vorwiegend amerikanische Auszeichnung ist – die in erster Linie Schriftstellerinnen, Schriftsteller und Journalisten aus den USA würdigt –, reicht seine Wirkung weit über die Landesgrenzen hinaus. Prämierte Titel landen auf Bestsellerlisten, finden Eingang in die Programme von Verlagen in Dutzenden Ländern und werden bereitwillig in andere Sprachen übersetzt. Für die Buchbranche ist er zugleich ein Signal: Hier sind die Bücher, die sich – je nach Nachfrage – für Neuauflagen und Nachdrucke lohnen.
Belletristik: „Angel Down“ von Daniel Kraus
In der Kategorie Belletristik ging der Preis an den Roman „Angel Down“ von Daniel Kraus, erschienen bei Atria Books. Kraus ist ein Autor, der für seine Fähigkeit bekannt ist, Genrekonventionen mit tiefergehender Reflexion zu verbinden. Die Auszeichnung in dieser Kategorie bestätigt, dass die Jury zunehmend bereit ist, Prosa zu würdigen, die sich nicht scheut, nach Spannung, dem Unheimlichen und einem kraftvollen, packenden Erzählrhythmus zu greifen.
Wer Kraus auf Deutsch kennenlernen möchte, findet im Buchhandel bereits andere Titel des Autors. Dazu gehören etwa „Whalefall – Im Wal gefangen“ sowie der gemeinsam mit Guillermo del Toro verfasste Roman „The Shape of Water“. „Angel Down“ selbst dürfte nach der Auszeichnung besonders aufmerksam beobachtet werden – auch von Verlagen, die über neue Übersetzungen für den deutschsprachigen Markt entscheiden.
Geschichte: „We the People“ von Jill Lepore – mit deutscher Ausgabe
Die Kategorie Geschichte gewann Jill Lepore mit „We the People: A History of the U.S. Constitution“ (Liveright). Lepore zählt zu den profiliertesten Historikerinnen der USA, ist Professorin in Harvard und regelmäßige Mitarbeiterin von „The New Yorker“, geschätzt für ihre Gabe, über die Vergangenheit zugänglich und zugleich fundiert zu schreiben.
Für deutschsprachige Leserinnen und Leser ist besonders interessant: Der ausgezeichnete Titel liegt bei C.H. Beck bereits als „We the People. Eine Geschichte der amerikanischen Verfassung“ vor. Wer breiter in Lepores Werk einsteigen will, findet außerdem „Diese Wahrheiten. Eine Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika“ – eine groß angelegte Darstellung der amerikanischen Geschichte und ein naheliegender Einstieg in das Denken der Autorin.
Biografie: Die Schwestern Schuyler in einer Zeit der Revolution
Der Preis in der Kategorie Biografie ging an Amanda Vaill für „Pride and Pleasure: The Schuyler Sisters in an Age of Revolution“ (Farrar, Straus and Giroux). Das Buch rekonstruiert das Leben der Schwestern Schuyler – Frauen, die die Epoche der Amerikanischen Revolution erlebten und deren Biografien mit der Geschichte einer im Entstehen begriffenen Nation verwoben sind.
Es ist ein Thema, das nach dem Erfolg des Musicals „Hamilton“ ein breites Publikum gefunden hat, doch Vaill nähert sich ihm mit dem Handwerk einer Biografin: Sie greift auf Primärquellen zurück, rekonstruiert den Alltag und zeigt die Epoche aus einer häufig übersehenen weiblichen Perspektive.
Drama: „Liberation“ von Bess Wohl
In der Kategorie Drama ging die Ehrung an das Theaterstück „Liberation“ von Bess Wohl, erschienen bei Concord Theatricals. Wohl ist eine hochgeschätzte amerikanische Dramatikerin, und der ausgezeichnete Text gehört zu einer Strömung des Theaters, die eine persönliche, familienbezogene Perspektive mit Fragen nach Freiheit, Identität und generationellem Wandel verbindet.
Memoiren und Autobiografie: Yiyun Li – eine Autorin, die deutschsprachige Leserinnen und Leser kennen können
Die Kategorie Memoiren und Autobiografie brachte den Preis Yiyun Li für „Things in Nature Merely Grow“ (Farrar, Straus and Giroux). Es handelt sich um zutiefst persönliche Prosa, die sich mit der Erfahrung des Verlusts auseinandersetzt – geschrieben mit der für die Autorin so charakteristischen Zurückhaltung und Präzision.
Yiyun Li, geboren in Peking und auf Englisch schreibend, ist auch im deutschsprachigen Raum präsent. Bei Hanser erschienen unter anderem „Die Sterblichen“, „Tausend Jahre frommes Beten“, „Schöner als die Einsamkeit“ und „Lieber Freund, aus meinem Leben schreibe ich dir in deines“. Das sind Titel, über die sich deutschsprachige Leserinnen und Leser mit dem Werk der diesjährigen Preisträgerin vertraut machen können, bevor eine mögliche deutsche Ausgabe der ausgezeichneten Memoiren erscheint.
Sachbuch: „There Is No Place for Us“ von Brian Goldstone
In der Kategorie Sachbuch ging der Preis an Brian Goldstone für „There Is No Place for Us: Working and Homeless in America“ (Crown). Es ist eine Reportage, die sich einem der schmerzhaftesten Paradoxe des heutigen Amerika stellt: der Obdachlosigkeit von Menschen, die zwar einer Arbeit nachgehen, sich dennoch kein Dach über dem Kopf bewahren können.
Goldstone verbindet die Sorgfalt investigativer Berichterstattung mit echter Empathie für die Menschen, über die er schreibt. Es ist jene Art von Sachbuch, die nicht bei den Statistiken stehen bleibt, sondern konkrete menschliche Schicksale ans Licht bringt.
Lyrik: „Ars Poeticas“ von Juliana Spahr
Die Lorbeeren in der Lyrik gingen an Juliana Spahr für ihren Gedichtband „Ars Poeticas“ (Wesleyan University Press). Spahr ist eine Dichterin, die für ihre Experimente mit der Form und ihr ausgeprägtes gesellschaftliches und politisches Engagement bekannt ist. Schon der Titel – ein Echo der klassischen Gattung der Betrachtungen über die Dichtkunst – kündigt einen Band an, der zugleich Gedicht und Reflexion darüber ist, was ein Gedicht heute sein kann.
Was uns dieses Urteil über den Buchmarkt verrät
Die diesjährige Liste der Preisträger bietet eine aufschlussreiche Landkarte der Lesetrends: ein starkes Abschneiden von Sachbuch und Reportage, eine Rückkehr zur Geschichte, die zugänglich erzählt wird, sowie persönliche Prosa, die sich mit Verlust und Erinnerung auseinandersetzt. Für Verlage sowie Autorinnen und Autoren ist es zugleich eine Erinnerung daran, dass ein preisgekrönter Titel das Interesse sprunghaft steigern kann – und damit auch die Nachfrage nach Nachdrucken und Neuauflagen.
Genau in diesem Zusammenhang zeigt der digitale Buchdruck seinen Vorteil: Er ermöglicht es, auf einen plötzlichen Nachfrageschub zu reagieren, ohne das Risiko, Kapital in großen Auflagen zu binden. Wenn der Name eines Preisträgers auf die Titelseiten gelangt, zählt jede Reaktionszeit, und die Möglichkeit, genau so viele Exemplare nachzudrucken, wie benötigt werden, kann den Unterschied zwischen einer genutzten und einer verpassten Gelegenheit ausmachen.
Wenn das Urteil der Jury Ihre Leselust geweckt hat, lohnt es sich, mit jenen Autorinnen und Autoren zu beginnen, deren Werk bereits auf Deutsch verfügbar ist – von Jill Lepores „We the People“ und „Diese Wahrheiten“ über Daniel Kraus’ „Whalefall – Im Wal gefangen“ bis hin zu Yiyun Lis Prosa. Und der Rest? Wie in jedem Jahr dürften einige der ausgezeichneten Bücher schon bald ihren Weg in weitere Verlagsprogramme und neue Ausgaben finden.
Quellen: