Blog Books Factory

Hat Shakespeare den modernen Menschen geschrieben?

Shakespeare und die von ihm erschaffenen Figuren.

Welttag des Buches und des Urheberrechts – ein symbolisches Datum

Jedes Jahr am 23. April begehen wir den Welttag des Buches und des Urheberrechts. Dieses Datum wurde nicht zufällig gewählt: An diesem Tag im Jahr 1616 (nach dem julianischen Kalender) starb William Shakespeare. Und obwohl seit seinem Tod mehr als vier Jahrhunderte vergangen sind, bleibt der Einfluss des genialen Dramatikers auf unsere Kultur absolut fundamental. Aber haben Sie sich schon einmal gefragt, wie tief dieser Einfluss wirklich reicht?

Laut einem der wichtigsten Literaturkritiker des 20. Jahrhunderts hat Shakespeare nicht nur das Theater geprägt – er hat tatsächlich mitgeschaffen, wer wir heute sind.

Blooms These: Wie Shakespeare den Menschen „erfand“

In seinem 1998 erschienenen Buch „Shakespeare: The Invention of the Human” stellt der amerikanische Kritiker Harold Bloom eine kühne, beinahe provokante Behauptung auf: Shakespeare habe die moderne Persönlichkeit „erfunden“. Von den 38 ihm zugeschriebenen Dramen bezeichnet Bloom nicht weniger als 24 als absolute Meisterwerke – Werke, in denen eine Revolution des menschlichen Bewusstseins stattgefunden habe.

Worin besteht diese „Erfindung“ genau? Bloom argumentiert, dass sich literarische Figuren vor Shakespeare vor allem durch Handlungen oder göttliche Eingriffe entwickelten. Shakespeares Gestalten hingegen – Hamlet, Falstaff, König Lear oder Rosalind – gewinnen an Tiefe durch einen einzigartigen Mechanismus, den Bloom „sich selbst belauschen“ nennt (overhearing oneself).

Beobachten Sie, wie das in der Praxis funktioniert:

  • Selbstreflexion: Die Figuren hören ihre eigenen Worte und verändern daraufhin ihr Denken und Handeln.
  • Vielschichtigkeit: Es sind keine flachen Archetypen, sondern Individuen voller Widersprüche und innerer Konflikte.
  • Universalität: Ihre Dilemmata, obwohl in einer konkreten Epoche verankert, sprechen Leserinnen und Leser auf der ganzen Welt an.

Ein perfektes Beispiel für diese Revolution ist der berühmte Satz des Prinzen von Dänemark: „Welch ein Meisterwerk ist doch der Mensch!“ („What a piece of work is a man!“). Hamlet beschreibt nicht nur die menschliche Verfassung – er unterzieht sie einer ständigen, kritischen Analyse und wird so gewissermaßen zum ersten voll und ganz modernen Intellektuellen der Literaturgeschichte.

Einflussangst und die Verteidigung des westlichen Kanons

Um Blooms Argument vollständig zu verstehen, muss man seine früheren Arbeiten betrachten. In „The Anxiety of Influence“ (1973) entwickelte Bloom eine psychoanalytische Theorie darüber, wie Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu ihren Vorgängern stehen. Seiner Ansicht nach muss jede große schöpferische Persönlichkeit mit einer „Angst“ vor den überragenden Meistern der Vergangenheit ringen. Dies geschieht durch das, was Bloom „ radikale Fehllektüre“ nennt (strong misreading) – die bewusste Umformung und Umdeutung älterer Werke, um Raum für die eigene Originalität zu schaffen (ein Prozess, den er mit Mechanismen wie clinamen, tessera und kenosis beschreibt).

In seinem 1994 erschienenen Buch „The Western Canon“ stellt Bloom Shakespeare dann ins absolute Zentrum des literarischen Universums und macht ihn zum Bezugspunkt für alle späteren Autorinnen und Autoren. Das Buch war zugleich eine offene Auseinandersetzung mit dem, was Bloom die „Schule des Ressentiments“ nannte – Kritikerinnen und Kritiker, die Literatur ausschließlich durch die Brille von Ideologie, Politik, Feminismus oder Marxismus bewerteten und dabei ihren autonomen ästhetischen Wert ignorierten.

Kritik, der Vorwurf des Eurozentrismus und Blooms Gegenargumente

Die Idee, ein englischer Dramatiker habe „den Menschen erfunden“, konnte kaum ohne Kontroverse bleiben – und stieß auf scharfe Kritik:

  • Vorwurf des Eurozentrismus: Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler warfen Bloom vor, die Geschichte des menschlichen Bewusstseins auf den westlichen Kulturkreis zu verengen.
  • Ignorieren des historischen Kontexts: Forscher wie James Shapiro kritisierten Blooms Ansatz und wiesen darauf hin, dass er Shakespeares Biografie und die Realitäten der elisabethanischen Epoche weitgehend ausblendet.
  • Postkoloniale Fragen: Kritiker verweisen häufig auf „ Der Sturm“ und die Figur des Caliban als Beleg dafür, dass Shakespeare auch durch das Prisma von Macht und Unterdrückung gelesen werden kann – nicht nur als universelle Psychologie.

Wie reagierte Bloom darauf? Sein wichtigstes Gegenargument war die Idee einer kulturübergreifenden Empathie. Er glaubte, Shakespeares Größe liege gerade darin, dass seine Dramen sprachliche, rassische und historische Barrieren durchbrechen und es jeder Leserin und jedem Leser ermöglichen, ein Stück der eigenen Menschlichkeit in ihnen zu finden.

Ein Vermächtnis, das noch immer inspiriert

Ob man Bloom nun zustimmt oder nicht – es ist schwer zu bestreiten, dass Shakespeare in unserer Kultur weiterlebt. Sein Einfluss reicht weit über die Bühne und klassische Ausgaben seiner Werke hinaus und dringt bis in die zeitgenössische Popkultur vor. Ein Beleg dafür ist Hamnet, ein Film der Oscar-prämierten Regisseurin Chloé Zhao. Diese Verfilmung des Bestsellerromans von Maggie O’Farrell konzentriert sich auf die Ehefrau des Dramatikers, Agnes, und den Tod ihres Sohnes und wirft damit ein neues Licht auf den emotionalen Hintergrund, vor dem eines der wichtigsten Werkkomplexe der Menschheitsgeschichte entstand.

Hat Shakespeare uns also wirklich „erfunden“? Vielleicht ist das zu kühn formuliert. Aber er hat uns sicherlich eine Sprache – und Werkzeuge – gegeben, um unsere kompliziertesten Emotionen zu beschreiben.

Quellen:

  • Harold Bloom, Shakespeare: The Invention of the Human, New York, 1998
  • Harold Bloom, The Anxiety of Influence, New York, 1973
  • Harold Bloom, The Western Canon, New York, 1994
  • Wikipedia